Bundesverfassung und 19.Jahrhundert

Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesverfassung_1848_Schweiz.jpg?uselang=de

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Mit der Bundesverfassung von 1848 und 1874 wandelte sich die Eidgenossenschaft vom Staatenbund zum Bundesstaat. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts etablierte sich allmählich ein System politischer Parteien.

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Das 19. Jahrhundert war in ganz Europa geprägt von der Auseinandersetzung zwischen den freiheitlich - demokratischen Kräften und den konservativen Anhängern der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung. In der Schweiz hatte sich nach dem von den Konservativen angezettelten Sonderbundskrieg mit der Bundesverfassung von 1848 das demokratische Prinzip zwar endgültig durchgesetzt, die Gegensätze blieben jedoch weiterhin bestehen und man musste vor allem zunächst praktische Erfahrungen mit der neuen Staatform sammeln. Interessanterweise führte nicht zuletzt der Widerstand konservativer Kreise gegen die Konzentration der gesellschaftlichen (politischen und wirtschaftlichen Macht) in den Händen der Freisinnigen zu den typisch schweizerischen Verfeinerungen des demokratischen Systems ("Direkte Demokratie") und damit zur inneren Stabilisierung der neuen demokratischen Grundordnung. Die hohen Amtsträger der katholischen Kirche (Papst und Bischöfe) versuchten verzweifelt, das Rad der Geschichte zurück zu drehen, bewirkten aber mit ihrer Einmischung in die Politik sowohl in der Schweiz wie auch in Deutschland (das immer noch eine Monarchie war) nur eine Stärkung der fortschrittlichen Kräfte.
Die neue Verfassung wurde zu Beginn des Jahres 1848 entworfen, anschliessend von der Tagsatzung und kurz danach auch von den 22 Kantonen gutgeheissen. Sie gab der Eidgenossenschaft eine zentralistischere Struktur, die viele Rechte und Pflichte, die bisher in der Kompetenz der Kantone lagen, an den Staat übertrug.


Die Abschaffung der Schranken, die früher den Personen-, Waren- und Geldverkehr erschwert hatten, ermöglichten nun ein wirtschaftliches Wachstum.


Die wichtigste Neuerung waren die Schaffung des Zweikammersystems (National- und Ständerat, deren Sitze in demokratischen Wahlen, an denen bis 1971 allerdings nur Männer teilnehmen durften, besetzt wurden) und des Bundesrats (bestehend aus sieben gleichberechtigten Mitgliedern; das Amt des Bundespräsidenten wurde turnusgemäss jedes Jahr von einem anderen Bundesrat ausgeübt).


Die neue Verfassung gab den Bürgern auch verschiedene Rechte und Freiheiten, so z.B. die Presse- und Religionsfreiheit sowie die freie Wahl des Wohnorts.


Die neue Bundesversammlung trat am 6. November 1848 erstmals zusammen, wobei die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten Liberale waren. Zuerst wählte das Parlament die Regierung (sieben liberale Männer), wobei Jonas Furrer zum ersten Bundespräsidenten ernannt wurde und bestimmte Bern zur offiziellen Bundeshauptstadt.
In den darauf folgenden Jahren verabschiedete die Bundesversammlung eine Reihe von Gesetzen, welche die Verwaltung zentralisierten und vereinheitlichten. So übernahm der Bund die Verantwortung für das Postwesen, die Vereinheitlichung der Währung sowie der Masse und Gewichte. Weiter schaffte sie die internen Zölle ab, welche zu verschiedenen Handelsunterbrüchen zwischen den Kantonen geführt hatten.

Aussenpolitik nach 1848

Die Schaffung des föderativen Staats fiel in eine Zeit, in der ganz Europa von revolutionären Bewegungen erfasst wurde. Bis 1850 hatten jedoch die konservativen Regimes in den Nachbarländern die Macht wieder übernommen. So waren u.a. auch die Beziehungen zwischen der Schweiz und Österreich in den frühen 1850-er Jahren sehr gespannt.


Italien, das für die Freiheit von Österreich kämpfte, benutzte das Tessin als Zufluchtsort – dies sehr zur Freude der lokalen Bevölkerung. Während der Verfolgung von Freiheitskämpfern überschritt Österreich - trotz heftiger Proteste aus Bern - mehrfach die Schweizer Grenze.


Das Neutralitätsprinzip, zu dem sich die Schweiz seit dem Westfälischen Frieden bekannte, schuf die Grundlage für das humanitäre Engagement des Landes. 1863 wurde das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) unter der Leitung des Schweizers Henry Dunant gegründet. Obwohl das IKRK durch eine private Initiative entstand, gelang es der Organisation bald, die Schweizer und andere Regierungen von ihrer Arbeit zu überzeugen. 1864 wurde an einer internationalen Konferenz die erste Genfer Konvention zum Schutz verletzter Soldaten verabschiedet. Bis heute gibt es vier Genfer Konventionen.


Während des franko-preussischen Kriegs (1870-1871), als Strassburg unter ständigem Beschuss stand, gelang es einer Delegation des IKRK, mit Zustimmung der preussischen Machthaber viele alte Menschen, Frauen und Kinder aus der Stadt zu bringen. Anfangs 1871 wurde die franz. Ostarmee unter General Bourbaki nahe der Schweizer Grenze von deutschen Truppen eingekreist. Um unnötiges Blutvergiessen und die Kriegsgefangenschaft zu vermeiden, handelte Bourbakis Stellvertreter mit der Schweiz die Internierung der Ostarmee aus: Die Franzosen wurde in der Schweiz in Lagern untergebracht, ihre Waffen und Ausrüstung lieferten sie an der Grenze ab (das Ereignis ist im Bourbaki–Panorama Luzern auf einem 110 m langen Rundgemälde dargestellt).

Politische Entwicklungen nach 1848

Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in der Schweiz allmählich ein System von Parteien.


Nach Napoleons Sturz gab es eine relativ klare Aufteilung in Konservative und Aristokraten auf der einen und Progressive auf der anderen Seite. Die Konservativen wollten zum System von vor 1798 mit vielen Privilegien für eine kleine Schicht von Bürgern zurückkehren, die Progressiven (auch unter dem Namen ‚Freisinnige’ bekannt) kämpften für gleiche Rechte für alle.


Die Konservativen wollten möglichst viel Macht bei den Kantonen behalten, die Progressiven befürworteten einen föderativen Staat. Doch bereits vor 1848 herrschte unter den Freisinnigen Uneinigkeit über den besten Weg zu mehr Rechten und mehr Freiheit für alle.
Schliesslich teilten sich die Progressiven in drei Gruppierungen auf:


Die Liberalen wurden durch Industrielle vertreten, welche an freies Unternehmertum ohne staatliche Interventionen glaubten. Die Radikalen waren etwas sozialer eingestellt und vertraten die Ansicht, der Staat sollte eine Rolle in der Wirtschaft spielen.


Die Demokraten, die 1860 die Politbühne betraten, setzten sich für die "reine Demokratie" ein. Ihrer Meinung nach sollte das Volk als Ganzes politische Entscheidungen treffen und nicht dessen gewählte Vertreter. Es dauerte jedoch noch bis 1890, bis sich die drei Gruppierungen offiziell trennten. Die Radikalen bildeten 1894 ihre eigene Partei, die Freisinnig Demokratische Partei (FDP). Die FDP ist bis heute (mit zwei Bundesräten) in der Regierung vertreten.


Die Arbeitenden waren schlecht organisiert und ihre Bedürfnisse wurden kaum wahrgenommen. Proteste seitens der Arbeiter wurden brutal niedergeschlagen. Unter dem Einfluss von politischen Flüchtlingen aus Deutschland begannen sich in den 1830-er Jahren Selbsthilfe-Gruppierungen zu bilden. Die Sozialdemokratische Partei, welche die Arbeiterschicht vertrat, wurde 1888 gegründet.
Trotz ihrer Niederlage im Sonderbundskrieg verschwanden die katholisch Konservativen nicht von der Bildfläche. Auf nationaler Ebene war ihr Einfluss zwar relativ klein, in den katholischen Kantonen hatte die Katholisch Konservative Partei, wie sie bis 1912 hiess, jedoch eine grosse Anhängerschaft.


Im schweizerischen Kontext bedeutet konservativ das Verteidigen lokaler Strukturen und lokaler Kultur gegen eine liberal-radikale Zentralmacht. Die religiösen und politischen Grenzen waren nicht identisch: nicht alle Katholiken waren konservativ und nicht alle Konservativen waren katholisch.


Nach vielen Jahren in der Opposition gelang es den Katholisch Konservativen, 1891 in die Bundesregierung einzuziehen (der erste katholisch konservative Bundesrat war Joseph Zemp).


Wirtschaftliche und soziale Entwicklung

In wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht war die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Industrialisierung des schweizerischen Mittellandes und eine starke Zunahme der Bevölkerung geprägt.


Die Schweiz wurde vom Agrarland zum Industriestaat. Führend war bis zum Ersten Weltkrieg die Textilindustrie in der Ostschweiz. In ihrem Gefolge entwickelten sich die Maschinenindustrie und vor allem in Basel die chemische Industrie. Nach dem Aufkommen der Elektroindustrie entstand zwischen Rheinfelden AG und Rheinfelden (Baden) das erste grosse europäische Flusskraftwerk, bald gefolgt von zahlreichen kleineren und grösseren Wasserkraftwerken zur Erzeugung von Strom für die Textil- und die Aluminiumindustrie, später auch für die Privathaushalte und die Bahnen.
In der Landwirtschaft wurde der Getreideanbau wegen der billigeren Importe immer mehr zugunsten der Milch- und Viehwirtschaft aufgegeben. Käse, Schokolade und Kondensmilch wurden zu wichtigen Exportgütern. Trotz des industriellen Aufschwungs waren zahlreiche Schweizer und Schweizerinnen durch die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse zur Auswanderung nach Nord- und Südamerika sowie nach Russland gezwungen. Die Landflucht bewirkte ein starkes Wachstum der Städte, so dass der prozentuale Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung zwischen 1850 und 1920 von 6,4 auf 27,6 Prozent anstieg.


Handel und Tourismus

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Strassen erheblich verbessert. Viele Alpenpässe waren nun auch auf Rädern zu überwinden, was den alpenquerenden Handel ankurbelte.


Den grössten Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung hatte jedoch die Eisenbahn. In der Schweiz wurde 1847 die erste Bahnlinie eröffnet. Zwischen 1854 und 1864 wuchs das Schienennetz - das übrigens von einem privaten Unternehmen betrieben wurde - von 38 auf 1’300 km.
Trotz der wichtigen Rolle, welche die Eisenbahn bald einmal spielte, gerieten viele private Gesellschaften in finanzielle Schwierigkeiten. In der Folge kaufte der Staat die meisten Gesellschaften auf und gründete 1902 die Schweizerischen Bundesbahnen SBB.


Die Entwicklung des Eisenbahnbaus war eng mit der Entwicklung des Tourismus verknüpft. Die meisten Menschen konnten sich zwar noch längst keine Auslandreisen leisten, Angehörige der aufblühenden Mittelschicht reisten dafür um so lieber.


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts besuchten jährlich bereits rund 350'000 ausländische – vorwiegend britische - Touristen die Schweiz. Ihrer Initiative ist auch die Entwicklung der Sommer- und Wintersportorte zu verdanken.

Die neue Bundesverfassung von 1874

In verschiedenen Kantonen – insbesondere Zürich – hatte die Einführung von mehr direkter Demokratie grossen Erfolg. Deshalb gab es bald Bemühungen, ähnliche Änderungen auch auf nationaler Ebene einzuführen.


Liberale Wirtschaftskreise forderten ihrerseits eine Revision der Verfassung, da sie eine zentralistischere Gesetzgebung für die wirtschaftlichen Aktivitäten befürworteten.


Die revidierte Bundesverfassung wurde 1874 verabschiedet. Sie verlieh der Schweizer Bevölkerung direkt-demokratische Instrumente (Initiativ- und Referendumsrecht), die es ermöglichen, praktisch jeden Entscheid von Bundesrat und Parlament zu ändern oder zu widerrufen.

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