Neuer Stadtteil – Neues Lebensgefühl Ein Spaziergang durch die Europaallee über den Negrellisteg zur Zollstrasse
Einleitung
Wo früher beidseits der Gleise zumeist Brachland zu sehen war, wenn man sich im Zug dem Hauptbahnhof näherte, zeigt sich heute ein komplett neues Bild: Eine architektonische Perle reiht sich an die nächste. Und dies ist die erste Entdeckung, aller Entdeckungen, die man in der Europaallee und Zollstrasse machen kann. Denn dort arbeiten, studieren und wohnen Menschen, die ihrem neuen Stadtteil mit viel Kreativität, Erfindergeist und Engagement neues Leben eingehaucht haben.
Zürich
Mit unzähligen Events, vielfältigen Museen und dem lebendigsten Nachtleben der Schweiz pulsiert Zürich Tag und Nacht.
Die Macherei ist ein Laden, in dem ein Kollektiv aus lokalen Designerinnen und Designern ihre Produkte zum Verkauf anbietet. Diese werden in der Schweiz entworfen und hier oder in Europa produziert. Im Laden verkaufen die Designerinnen und Designer ihre Produkte gleich selbst und schaffen so die Möglichkeit, mit ihren Kunden ins Gespräch zu kommen. Ein Konzept, das in vielen Läden und Lokalen an der Europaallee und Zollstrasse zu finden ist: lokale und nachhaltige Produkte, Herstellung aus eigener Hand oder ausgesuchte Nischenprodukte, fachkundige Beratung und Workshops. Hier an der Europaallee und Zollstrasse weiss man, woher das erworbene Stück stammt, und unterstützt diejenigen Menschen, die sich mit viel Liebe und Leidenschaft dafür einsetzen.
Auch kulinarisch bieten die Zollstrasse und die Europaallee einiges: Selbst gebrautes Bier, unverpackte regionale Bio-Lebensmittel, Milchprodukte aus eigener Stadtkäserei sowie saisonale, mit viel Liebe zubereitete Gerichte, bei denen das Fleisch die Beilage ist. Dies hat sich das Restaurant Osso auf die Fahne geschrieben: Dort wird der Spiess umgedreht und man findet in der Abendkarte unter «Beilage» eine hausgemachte Wurst, ein Gitzi-Gigot oder Pouletkroketten. Ihr Klassiker schlechthin, wie es der italienische Name «Osso» (Knochen) verrät, ist das bekannte italienische Schmorgericht: Ossobucco.
Alle Menschen sind hier willkommen! Im Regenbogenhaus an der Zollstrasse 117 wird dieses Credo gelebt, denn 18 LGBTQ-Organisationen setzen Community-Projekte gemeinsam um und bieten Angebote wie eine Beratung oder eine Bibliothek ausschliesslich mit Literatur zu LGBTQIA+-Themen an. Das Regenbogenhaus soll die Sichtbarkeit von LGBTQ-Menschen erhöhen und eine Sensibilisierung für die Anliegen der Community – und damit eine Verbesserung der gesellschaftlichen Teilhabe – bewirken.
Wer vor dem Abendessen noch ein intensives Indoor-Cycling-Training absolvieren will, dem ist das Open Ride zu empfehlen. Hier geht es darum, so richtig zu schwitzen und sich auszupowern. Dabei ist nicht nur die überaus motivierende Anleitung durch die Instruktorinnen und Instruktoren einen Besuch im Open Ride wert, sondern auch die spektakuläre Lichtshow, die mit der rhythmisch schnellen Musik harmoniert. Der Raum wird am Anfang der Stunde abgedunkelt, sodass die angestrengte Mimik der Radlerinnen und Radler nicht zu sehen ist. Denn das Training hat es in sich, macht aber ungeheuren Spass, weil nicht nur Kraft und Kondition gefordert sind, sondern auch das Rhythmusgefühl.
All die Menschen, die in den vergangenen Jahren an der Europaallee und Zollstrasse mit Herzblut und Begeisterung ihren Traum verwirklicht haben, verdanken diese Möglichkeit der Vision der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Sie ist die Vermieterin aller Räumlichkeiten an der Europaallee und ihr war von Anfang an klar, dass an der Europaallee eine Diversität und Lebendigkeit herrschen soll. Neues und Lokales sollen entstehen. Die Besucherinnen und Besucher sollen das Gefühl bekommen, an einem Ort zu sein, wo Menschen und Produkte nicht einen rein finanziellen Wert haben, sondern einen persönlichen und regionalen.
Direkt beim Hauptbahnhof ist der Europaplatz das Eingangstor zur Europaallee und gleich dort fängt die Entdeckungsreise in Sachen Kunst, Kultur und Architektur an. Ein Beispiel ist das permanente Lichtkunstwerk «ALWAYS A WAY ALWAYS AWAY» von der österreichischen Künstlerin Brigitte Kowanz (*1957, †2022) auf dem Dach eines Gebäudes. Deswegen Augen auf – die Reise kann beginnen.
Eine spiralförmige Treppe windet sich um einen runden Liftturm. Oben führt eine 161 Meter lange Fussgängerbrücke über die imposanten Gleisfelder auf die andere Seite zur Zollstrasse. Wir stehen auf dem Negrellisteg, wo abends bei Sonnenuntergang die Einheimischen ihren Apéro nehmen. Von hier aus kann die beeindruckende Bauingenieurskunst des Stegs bewundert werden: Gerade mal vier Stützen halten ihn über die gesamte Breite des Gleisfeldes und vermittelt so den Eindruck, dass er schwebt. Dafür wurden die Bauingenieure Jürg Conzett und Gianfranco Bronzini 2022 vom Bundesamt für Kultur mit dem Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet.
Am Gustav-Gull-Platz fällt eine weitere architektonische Besonderheit auf: das denkmalgeschützte Zentralstellwerk. Ein schmaler Rohbetonbau, der ein Überbleibsel aus vergangener Zeit ist, als die Europaallee eine Brache war und die SBB hier verschiedene Werke hatte. Nach fast 50 Jahren Nutzung zogen ZugverkehrsleiterInne und Disponenten wieder aus dem 1963 erbauten Zentralstellwerk aus. Bekannt ist das Zentralstellwerk für den von der Gleisseite aus sichtbaren Schriftzug «Zürich» auf blauem Untergrund und die unverwechselbare Uhr.
Läuft man durch die Europaallee, ist die Diversität der Architektur allgegenwärtig und sie hat es in sich, denn kein Gebäude gleicht dem anderen – weder in der Entstehung noch im Aussehen. Insgesamt ist das Quartier von elf verschiedenen Architekturbüros gebaut worden. Das hat mit dem städtebaulichen Gesamtkonzept (Masterplan) von Kees Christiaanse zu tun, der acht Baufelder definiert hatte. Dieser Masterplan wurde in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Zürich über Studienverfahren und Architekturwettbewerbe entwickelt und ausgeschrieben.
Übersicht der acht Baufelder und ihren verantwortlichen Architekturbüros
Baufeld A: Max Dudler, Zürich
Baufeld B: Stücheli Architekten, Zürich
Baufeld C: Max Dudler, Zürich; Annette Gigon/Mike Guyer, Zürich; David Chipperfield, London
Baufeld D: Wiel Arets Architects, Zürich
Baufeld E: Caruso St John Architects LLP, London; Bosshard Vaquer Architekten, Zürich
Baufeld F: Boltshauser Architekten, Zürich
Baufeld G: Graber Pulver Architekten, Zürich; Masswerk, Kriens/Luzern
Baufeld H: e2a eckert eckert architekten, Zürich
Der Spatenstich zum Bau der Europaallee geschah im Jahr 2009 und das Arel wurde danach etappenweise bis 2021 realisiert. Die Vorgabe damals war, dass ein Stadtteil entstehen soll, der Freizeit, Arbeit, Wohnen und Studieren harmonisch verbindet, was heute eindrucksvoll gelungen ist: Egal zu welcher Tageszeit man durch die Europaallee schlendert, es gibt immer etwas zu sehen und sie strahlt dabei eine Gemütlichkeit aus, die zum Flanieren und Geniessen einlädt. Am besten man fängt am Europaplatz beim Hauptbahnhof an. Von dort führt die Europaallee nordwestwärts zum Gustav-Gull-Platz, der die Mitte des Areals markiert. Hier sorgt ein 400 m2 grosses Wasserspiel an heissen Tagen für Abkühlung.
