Der rollende Barkeeper.
Einleitung
6000 Höhenmeter überwindet Victor Costa mit dem Après-Ski-Wagen jeden Tag. Von seiner neuen Heimat Andermatt (Uri) über den Oberalppass bis nach Disentis (Graubünden), zweimal hin und zweimal zurück.
Andermatt
«Mir ist's unter allen Gegenden, die ich kenne, die liebste und interessanteste», meinte einst Johann Wolfgang von Goethe, als er Ende des 18. Jahrhunderts dreimal die Gegend am Gotthard besuchte.
Wo im Sommer eine Passstrasse Andermatt und Disentis verbindet, ist im Winter kein Durchkommen.
Dies gilt natürlich nicht für Victor und seinen Après-Ski-Wagen. Viele Gäste steigen auf dem Oberalppass auf 2033 m ü. M. zu – mit einem gültigen Skipass kostenlos.
«Was darf ich Ihnen anbieten?»
... begrüsst er seine Gäste. Im Angebot sind neben einer Vielzahl an Getränken auch traditionelle Platten mit Käse und Trockenfleisch. Über diese Annehmlichkeiten im warmen Wagen freuen sich die Gäste besonders auch bei Schneefall und eisigen Temperaturen. «Vor lauter Händewärmen vergessen die Skifahrer dann fast, den Kaffee auch zu trinken», scherzt der gebürtige Portugiese.
Vom Atlantik in die Alpen.
Mit Schnee hatte Victor lange nichts am Hut. Aufgewachsen an der Atlantikküste, im Norden Portugals, packte ihn der Entdeckergeist. Wie einst Ferdinand Magellan oder Vasco da Gama zog es ihn in die Fremde, wenngleich in eine andere Richtung. 1994 setzte er die Segel und gelangte aufgrund der vorhandenen Arbeitsplätze nach Andermatt. Eine Reise ins Ungewisse, welche aber Victor auf direktem Weg zum Glück führte.
Das Meer ist schön, aber schau dir diese Berge an!
«Schnee und Kälte sind nicht jedermanns Sache, aber mir gefällts.»
Auch seine Schwester versuchte sich in den Schweizer Alpen, ohne Erfolg. Seit 23 Jahren ist Victor nun in Andermatt zu Hause und hier will er vorerst auch bleiben.
Vom Pfarrer bis zum Bäcker, alle kennen Victor.
Wenn die Stammgäste kommen und fragen, wie es mir geht, kriege ich jedes Mal Gänsehaut vor Freude, dass sie wieder da sind und an mich denken.
Rezept - Kafi Luz
Der «Kafi Luz» trägt Luzern im Namen und ist eine Innerschweizer Spezialität.
• 3 Würfelzucker
• 1 dl heisses Wasser
• 2-4 cl Träsch (Kernobstbrand)
• 1/3 Teelöffel Instantpulver-Kaffee
Für bestes Gelingen Zutaten nach und nach in ein Glas geben und umrühren.
Wichtig: Durch das fertige Getränk hindurch sollten die fantastischen Berge noch immer sichtbar sein.
Andermatt – bitte alle aussteigen.
Pünktlich um 16.19 Uhr erreicht der Après-Ski-Zug zum zweiten und letzten Mal Andermatt. Glücklich und gut verköstigt entsteigen die rund 35 verbleibenden Gäste dem Après-Ski-Wagen, nicht ohne Dank des Barkeepers. «... und bis zum nächsten Mal» verabschiedet sich Victor.
Für ihn ist der Tag noch nicht zu Ende. Er sammelt die leeren Gläser ein, streift sich seine Leuchtweste über und quert die Bahngleise. Im Bahnhofgebäude wartet ein Geschirrspüler auf seinen Einsatz. Über 200 Getränke hat Victor ausgeschenkt und ist nun dafür besorgt, dass es den Besuchern auch morgen an nichts fehlt.
«Mal sehen, was die nächste Fahrt bringt»,
... sagt Victor erwartungsfroh und schreitet durch die Gassen seiner neuen Heimat und dem wohlverdienten Feierabend entgegen.